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Zwei Soldaten tragen ABC-Masken.
Zwei Soldaten helfen sich beim anlegen der ABC-Schutzanzüge.

In Zusammenarbeit mit den US-Streitkräften wird der Umgang mit ABC-Stoffen trainiert.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

In den USA üben Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr mit gefährlichen Kampfstoffen. Ein Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffen erscheint den meisten Menschen als kaum vorstellbar, doch die Realität zeigt: vor ihnen muss man sich dennoch schützen können. Ein Soldat der spezialisierten ABC-Abwehrtruppe zeigt dir heute seine Eindrücke, die er bei der Ausbildung erleben konnte.

Beklemmung – das ist mein erstes Gefühl beim Aufsetzen der ABC-Schutzmaske. Jeder Atemzug fällt jetzt schwer. Die Luft muss ich mühsam durch einen Filter einsaugen. Durch die Maske und den Schutzanzug sind alle meine Sinne eingeschränkt. Doch Maske und Anzug sind lebenswichtig. Sie schützen im Ernstfall vor vielfältigen Kampfstoffen und stellen so sicher, dass wir auch in einer vergifteten Umgebung weiter unserem Auftrag nachgehen können. Hunderte Male habe ich den Ablauf trainiert. Hier in den USA - in einer speziellen Trainingseinrichtung für die Expertinnen und Experten der amerikanischen Streitkräfte wird es gleich ganz anders als Zuhause, da wir hier mit echten Kampfstoffen arbeiten.

Mehrere Soldatinnen und Soldaten stehen nebeneinander.

Vor dem "scharfen" Durchgang testen die Soldatinnen und Soldaten die Dichtigkeit ihrer ABC-Schutzmasken.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Zuerst haben wir natürlich "trocken" geübt. Der Auftrag: chemische Kampfstoffe erkennen. Das Ziel: Vertrauen in die Ausrüstung gewinnen und Sicherheit erlangen. Gemeinsam mit 22 weiteren Kameradinnen und Kameraden lerne ich den Umgang mit Spürgeräten und den genauen Ablauf für das Aufspüren von Kampfstoffen. Jeder Handgriff muss später sitzen. Sonst kontaminieren wir uns ungewollt selbst oder andere.

Dann wird es ernst. In Doppelreihe stellen wir uns vor eine Schleuse, die den Übergang vom sicheren Bereich zum kontaminierten Bereich bildet. Ist meine Maske wirklich dicht? Ein drückendes Gefühl legt sich auf meine Brust – mir wird kurz die Luft knapp. Als die Schleuse geöffnet wird, dröhnt uns Gefechtslärm entgegen, umgekippte Fahrzeuge und auslaufende Fässer stehen im Weg. Wir kommen zu einem Jeep. Hier ist unser Spürbereich. Spätestens jetzt gilt: Ruhe bewahren, auf die Ausrüstung vertrauen und das Gelernte anwenden! 

Mehrere Soldatinnen und Soldaten stehen in einer Halle.

Unter Realbedingungen spüren die Soldatinnen und Soldaten Kampfstoffe auf und beseitigen diese.

Foto: © Bundeswehr / Jana Neumann

Wie beim Vorüben einstudiert, teilen wir den zu untersuchenden Bereich auf. Mit einem Spürgerät arbeiten wir uns zentimeterweise vor. Es piept. Auf dem Seitenspiegel schimmert feucht eine farblose Flüssigkeit. Ich nehme eine Farbtabelle und ein Stück Papier. Es sieht aus wie Löschpapier aus der Schule, ist aber spezielles Spürpapier und kann unterschiedliche Kampfstoffarten erkennen. Damit wische ich über die farblose Flüssigkeit und halte das Papier an die Tabelle. Es färbt sich langsam grün. „Ist das VX?“, frage ich ungläubig. Mein Partner nickt. Mir läuft es kalt den Rücken runter. VX ist ein Nervenkampfstoff. Er ist geruch- und farblos und ein Kontakt würde zum Ersticken führen. Nachdem die Gefahr erkannt wurde, kann unser Team nun vorsichtig beginnen den Kampfstoff zu beseitigen und unschädlich zu machen.

Doch wieso setzt die Bundeswehr eigentlich auf diese Art der Ausbildung, die ja auch Gefahren mit sich bringt? Man sagte mir, dass erst der Einsatz mit echtem Kampfstoff die notwendige Sensibilisierung und das Vertrauen in unsere Ausrüstung schaffe, um im Ernstfall zu bestehen. Das hatte ich zunächst nicht verstanden – bis jetzt! In dieser kontaminierten Umgebung wird mir klar: Ich darf unter keinem Umstand dem Juckreiz unter der Maske nachgeben. Wir haben diese jetzt schon seit knapp drei Stunden auf. Sie einfach vom Gesicht zu reißen, ist keine Option und wäre lebensgefährlich.

Selbst nach erledigtem Auftrag muss ich noch hoch konzentriert bleiben. Teile des Kampfstoffes können mit meiner Ausrüstung oder Schutzbekleidung in Kontakt gekommen sein. Folglich muss beim Ausziehen und Ablegen der Bekleidung auch eine genaue Reihenfolge mit exakten Abläufen eingehalten werden. Sonst kontaminiere ich mich im letzten Augenblick doch noch. Irgendwann stehen wir dann alle da – nur mit Maske und einem hochgerollten T-Shirt. Wir befolgen die letzten Anweisungen. Atem anhalten. Von unten mit den Fingern die Maske abziehen. Anschließend nur noch einen Schleusenraum durchschreiten und frische Luft atmen. Endlich frei durchatmen. Dank dieser einzigartigen Möglichkeit hier in den USA weiß ich, dass ich und meine Kameradinnen und Kameraden für den Ernstfall top ausgebildet sind und dass wir auf unsere Ausrüstung zählen können. Diese besondere Erfahrung werde ich wohl nie mehr vergessen!

Autor: Bundeswehr / ML