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Minenjagdboot

Leben an Bord eines Minenjagdbootes

Die 42 Männer und Frauen des Minenjagdboots Sulzbach-Rosenberg leben auf rund 500 Quadratmetern Stahl mit einer für den Außenstehenden unübersehbaren Menge von Gerät, Elektronik und Material. Rechnerisch bleiben so jedem Besatzungsmitglied knapp 12 Quadratmeter. Tatsächlich hat der Einzelne jedoch viel weniger Platz, auf dem er an Bord leben, essen, trinken, duschen, schlafen – und arbeiten muss. Damit nicht genug: die gesamte Fläche befindet sich in ständiger Bewegung. Nicht nur, weil das Boot fährt, sondern weil es vom Seegang zusätzlich bewegt wird: bei Wellengang "rollt" es von der Seite und bei Wellen, die von vorne kommen, „stampft“ es.

Die Mannschaftsmesse dient nicht nur als Speiseraum, sondern ist gleichzeitig eine Art Wohnzimmer

Die Mannschaftsmesse dient nicht nur als Speiseraum, sondern ist gleichzeitig eine Art Wohnzimmer

Foto: © Bundeswehr / Schmidt

Obermaat Simeon S. sitzt in der Unteroffiziermesse. Der 23-Jährige hat Freiwache, das heißt, er ist gerade nicht zum Dienst eingeteilt. Insgesamt gibt es drei sogenannte Messen an Bord von Minenjagdbooten: eine für Offiziere und Bootsleute, eine für Unteroffiziere und eine für Mannschaften. Allein sein ist auch hier die Ausnahme.



Abwechslungsreicher Speiseplan

Abwechslungsreicher Speiseplan

Foto: © Bundeswehr / Schmidt





„Backen und Banken" sagt man in der Marine, wenn die Soldaten zum Essen gerufen werden: "Die Steuerbordwache zuerst, guten Appetit!“, tönt es aus der Schiffslaut­sprechanlage. An der Kombüse, der Schiffs­küche, hat der Smut, der Schiffskoch, ein kleines Büffet aufgebaut. Jeder hält seinen Teller fest, denn der Seegang lässt ihn schnell in Richtung Tischkante rutschen: „Wahrschau!“ ruft Obermaat S. Damit meint er: Vorsicht! Nachdem die Steuerbordwache ihr Essen geholt hat, kommt auch die Backbordwache. „So wird die Schichteinteilung für die Decks­wachen genannt. Jede Schicht hat jeweils sechs Stunden auf ihren verschiedenen Stationen Wache“, erklärt Obermaat Thomas G. Die Wachen umfassen unter anderem die Brückenwache, den Ausguck, Rudergänger, Signalgebung, Navigationsberatung und die Funkwache.


Auf engstem Raum: Bett, Klapptisch und Spind in den Kammern der Seemannschaft

Auf engstem Raum: Bett, Klapptisch und Spind in den Kammern der Seemannschaft

Foto: © Bundeswehr / Schmidt

Die Wellen erreichen nach und nach eine Höhe von bis zu zwei Metern und machen es schwer, ruhig zu stehen oder geradeaus zu gehen. So mancher wird nun blass. Erfahrene Seefahrer haben sich längst "Seebeine" wachsen lassen – ihr Körper hat sich so an den Seegang gewöhnt, dass sie nicht mehr seekrank werden. Wer gerade keine Wache hat, sucht seine Kammer auf, das Schlafzimmer. Betten werden „Bock“ genannt. In der Kammer verschwindet Hauptgefreiter Merle R. hinter dem Vorhang, sie zieht sich um, weil gleich ihre Wachschicht beginnt. Dass die Kammern mit Männern und Frauen gemischt belegt sind, ist normal: „Man arrangiert sich“, sagt die 21-Jährige.




60 Zentimeter breit und nicht hoch genug, um sich hinzusetzen, bietet der Bock nicht viel Platz. In ein Schwalbennest – ein kleines, ausklappbares Netz – kann man seine Uhr oder ein Buch ablegen. Das Erklettern der Koje gleicht einem akrobatischen Akt, denn die Wellen heben und senken das Boot schnell und kräftig. Liegt man aber erst einmal, legt sich auch eventuelles Unwohlsein. Die Atmung passt sich in Rückenlage dem Seegang an, das wirkt beruhigend und einschläfernd.

„Reise, Reise, aufstehen!“, sagt eine Stimme leise. Der Seegang hat nachts nachgelassen, und die Ermüdung durch die Seeluft und die Anstrengungen des Tages haben für guten Schlaf gesorgt.

„Reise, Reise, aufstehen!“, so die Stimme nun lauter. Sie kommt aus der Schiffslautsprechanlage. 05.30 Uhr ist es, der Tag auf See beginnt früh.

„Reise, Reise, aufstehen! Hopp-hopp, raus aus dem Bock!“, ruft die Stimme nun. Die Erklärung von Obermaat Simon S.: „Das kommt aus dem Englischen, to raise. Ist im Laufe der Zeit eingedeutscht, aber erhalten geblieben.“ Er fährt seit mittlerweile drei Jahren zur See und ist an Bord IT-Unteroffizier. Für ihn ist die Seefahrt eine Erfahrung fürs Leben. Nun beginnt für ihn und die anderen Soldaten/-innen an Bord des Minenjagdbootes Sulzbach-Rosenberg ein neuer Tag auf See.



Autor: Philipp Hoffmann

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