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Ein Kampfhubschrauber Tiger in der Luft.

Im Gegensatz zum amerikanischen Apache sitzt der Pilot im Tiger vorn.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

TIGER ZEIGT KRALLEN

Kommandanten und Piloten üben mit dem Kampfhubschrauber Tiger den scharfen Schuss. Bevor der Helikopter in die Luft steigen kann, muss jedoch einiges organisiert werden. Tanken, Waffen, Munition – ohne die Männer und Frauen am Boden fliegt hier nichts.

Der Wind treibt die dunklen Wolken schnell vor sich her. Immer wieder gehen eisiger Schneeregen und Hagelschauer auf die Soldaten nieder. Plötzlich ist in der Ferne das Pfeifen von Turbinen zu hören, wird sehr schnell lauter und dann sind sie auch schon da: Drei Kampfhubschrauber Tiger tauchen knapp über den Baumwipfeln auf und setzen nacheinander zur Landung an. 


Der Lärm ihrer Turbinen ist ohrenbetäubend, und der Wind ihrer Rotoren reißt die umstehenden Männer und Frauen beinahe von den Füßen. Trotzdem verursacht der Anblick der schnittigen Maschinen bei allen Anwesenden sofort gute Laune. Denn bis zuletzt war ihre Ankunft auf dem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz ungewiss.


Ein Mechanikerfeldwebel vor dem Kampfhubschrauber Tiger.

Der Mechanikerfeldwebel steht mit der Besatzung in Verbindung.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Schlechtes Wetter gefährdet die Übung

Das Kampfhubschrauberregiment 36 „Kurhessen“ aus Fritzlar macht zwei Wochen auf dem Übungsplatz nahe der polnischen Grenze die Schießausbildung mit dem Tiger. Ursprünglich sollten die Tiger bereits gestern eintreffen. Zwischen Fritzlar und der Oberlausitz war das Wetter jedoch zu schlecht für einen Flug. Die Maschinen drohten in der Luft durch Schnee und Kälte zu vereisen. Ähnlich wie bei Blitzeis auf der Straße gefriert der Niederschlag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf der Oberfläche des Helikopters. Das erhöht das Gewicht dramatisch, und die beweglichen Teile werden schwergängig. Im schlimmsten Fall droht ein Absturz. Deshalb herrschte gestern Flugverbot.

Der gesamte Aufenthalt in der Oberlausitz war dadurch gefährdet. Acht Piloten benötigen die geplanten Schießübungen jedoch unbedingt, um ihre Ausbildung abschließen zu können. Sie beinhaltet den scharfen Schuss mit Forward Air Controllern (FAC), die als Kontakt am Boden den Piloten die Ziele zuweisen und bestätigen. Zusätzlich wird Close Combat Attack (CCA) geübt, also das Schießen ohne FAC. Dabei liegt die Verantwortung allein beim Kommandaten des Hubschraubers.


Ein Mechaniker belädt das Waffenpod des Hubschraubers mit Raketen.

19 ungelenkte 70-Millimeter-Raketen können pro Waffenpod geladen werden.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Die vorbereitete Munition für die 12,7 Millimeter-Bordmaschinen-Kanone.

Die vorbereitete Munition für die 12,7 Millimeter-Bordmaschinen-Kanone.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Für die Crew ist nach der Übung vor der Übung

Nach diesem Pflichtprogramm sind komplexe Flug- und Schießübungen für jene Piloten geplant, die bereits mehr Erfahrungen auf dem hochmodernen Gerät sammeln konnten. Im Laufe der Ausbildungsübung werden die Piloten mit dem Panzerabwehrlenkflugkörper HOT, den ungelenkten 70-Millimeter-Raketen sowie einem 12,7-Millimeter-Bordmaschinengewehr schießen. Inzwischen herrscht auf dem Hubschrauberversorgungspunkt (HVP) viel Betrieb. Auf dem Landeplatz bereiten die Techniker die Helikopter für die Einsätze vor, betanken sie und munitionieren sie auf. Jetzt sind die Tiger in der Zwischenflugkontrolle. Dabei schließt die Besatzung den absolvierten Flug ab und bereitet den nächsten vor. Die Besatzungen wechseln, und zwei Tiger werden sofort aufmunitioniert.


Die ersten beiden Schießübungen sollen noch heute absolviert werden. Einer nach dem anderen heben die beiden Helikopter wieder ab und fliegen zur nahegelegenen Schießbahn. Vom HVP aus kann man sie hin und wieder zwischen den Bäumen erspähen und den Einsatz ihrer Waffen hören. Nach 30 Minuten ist das Schießen vorbei. Wieder am Boden, führen die Piloten die Nachflugkontrolle durch. Als sie schließlich ihr Waffensystem verlassen, zeigen sie das gleiche Grinsen, das hier bisher alle auf dem Gesicht hatten, die den Tiger geflogen sind. „Die Triebwerke sind für ein viel höheres Gewicht ausgelegt. Durch den sehr leichten Hubschrauber ist da richtig Kraft dahinter und fast jedes Flugmanöver möglich“, beschreibt Major Thomas Sinzig* die Faszination mit dem Tiger zu fliegen.


Die Waffenmechaniker bringen die Munition zum Hubschrauber.

Die Waffenmechaniker bringen die Munition zum Hubschrauber.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Alles genau geplant...

Der 36-jährige Familienvater ist seit 2001 Pilot und flog vorher bereits eine BO 105, bevor er 2013 Tiger-Pilot wurde. „Die BO 105 war schon toll, aber der Tiger bedeutet für uns einen Riesenschritt nach vorn. Wir haben ein riesiges Fähigkeitsspektrum dazugewonnen“, betont er. Der nächste Tag beginnt mit dem Briefing. Wie ist das Wetter? Die Prognose ist deutlich besser als in den vergangenen Tagen: keine Schauer und leichter Wind aus West. Im Anschluss wird jedes Detail für den gesamten Tag besprochen: Welche Besatzung fliegt welchen Hubschrauber? In welcher Reihenfolge wird geflogen? Welche Bewaffnung wird mitgeführt, und welche Schießübung wird absolviert? Alle Besatzungen und Techniker wissen nun, wann sie ihren Einsatz haben werden. Nur 50 Minuten später soll die erste Maschine vom HVP abheben.

Seit Stunden sind dort die Techniker an der Arbeit. Sie haben mit der Vorflugkontrolle begonnen. Jedes Luftfahrzeug hat seinen eigenen Mechanikerfeldwebel. Dieser ist mit dem Hubschrauber verbunden, auch physisch, denn über ein Kabel hält er Verbindung zur Besatzung, solange sie am Boden ist. Über eine APU (Auxiliary Power Unit), eine externe Stromerzeugung, werden die bis zu 1.300 PS starken Turbinen angelassen. Zwar ist das Anlassen auch ohne APU möglich, doch die externe Variante ist materialschonender und erhöht die Nutzungsdauer der Batterien.


Waffenmechaniker befestigen die Panzerabwehrlenkflugkörper.

Waffenmechaniker befestigen die Panzerabwehrlenkflugkörper.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

... und alles genau kontrolliert

Unmittelbar vor dem Flug übergibt der Mechanikerfeldwebel den Helikopter an den Kommandanten. Im Bordbuch werden diese Übergaben schriftlich festgehalten. Hier finden sich auch Angaben über die Schussbelastung, Wartungsintervalle und Störungen in der Vergangenheit. „Der Mechanikerfeldwebel kommt zu mir und sagt beispielsweise: ‚Ich übergebe Ihnen den Tiger 74+31 mit einem Lenkflugkörper HOT und vier 70-Millimeter-Raketen.‘ Dann unterschreibe ich und gebe den Hubschrauber nach dem Einsatz wieder an den Techniker zurück. Das ist wie bei einer normalen Materialausgabeliste“, erklärt Sinzig. Der Mechanikerfeldwebel zieht die mit roten „Remove before flight“-Fähnchen markierten Sicherungssplinte, trennt die Kabelverbindung zum Tiger und entfernt das Erdungskabel.


Die Feuerwehr ist bei jedem Betanken bereit, sofort einzugreifen.

Die Feuerwehr ist bei jedem Betanken bereit, sofort einzugreifen.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Sicherheit hat oberste Priorität

Erst wenn er alles zur visuellen Bestätigung dem Kommandanten im Cockpit gezeigt hat, kann der Hubschrauber endlich abheben. Der Feld­webel bleibt zurück und bereitet schon wieder die Landung vor. Bis zu 120 Soldaten sind in der Oberlausitz dabei, um das Schießen zu er­mög­lichen. Wachsoldaten sichern in mehreren Schichten das Truppen­lager Werdeck, in dem die übende Truppe untergekommen ist. Zu­sätz­lich schaffen sie um den Hubschrauberversorgungspunkt einen Sicher­heitsbereich. Diese Zone dürfen nur die unmittelbar Beteiligten und Personen mit einem Sicherheitsausweis betreten. Sanitäter und Feuer­wehrleute aus Fritzlar sind ebenfalls mitgekommen. Treibstoff, Waffen und Munition sind gefährliche Materialien. Wenn etwas passiert, müssen die Rettungskräfte vor Ort sein. Im Brandfall erfordert die Rettung der fest im Cockpit angeschnallten Besatzung eine besondere Ausbildung.

Ebenfalls innerhalb des Sicherheitsbereichs arbeiten die Waffenmechaniker. Sie statten die Maschinen je nach Anforderung individuell mit Waffen und Munition aus.


Der Tiger beim Abschuss zweier ungelenkter 70-Millimeter-Raketen.

Der Tiger beim Abschuss zweier ungelenkter 70-Millimeter-Raketen.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Gutes Timing ist wichtig: Die Flug- und Schießübung

Die Besatzung absolviert inzwischen ihre Schulschießübung. Nach einem vorher vereinbarten Anflugmuster bekämpfen sie zunächst vorgegebene Ziele mit der 12,7-Millimeter-Bordmaschinenkanone. Beim nächsten Anflug verschießt der Kommandant zwei 70-Millimeter-Raketen. Da es sich in beiden Fällen um ungelenkte Waffen handelt, muss der Pilot, der diese Schießübung zum ersten Mal durchführt, den Hubschrauber in Zielrichtung bringen. Das erfordert Übung und ein gutes Timing. Er trifft sowohl die Schützenscheiben als auch die alten ausgedienten Panzer, die sogenannten Hartziele. Auf dem Rückweg donnert er im Tiefflug über den Schießbahnturm, von dem aus die Übung geleitet wird. Ein Show-of-Presence-Flug, der abschreckende Anflug auf Gegner ohne Waffeneinsatz, wird so geübt. Trotz aller anspruchsvollen Aufgaben machen solche Aktionen jedoch auch Spaß.

Die Piloten erfreuen sich an der Kraft und Beweglichkeit ihrer Maschinen. Die Überflogenen blicken stolz auf den lärmenden Tiger, der knapp über ihre Köpfe hinwegrast. Im Einsatz in Afghanistan hat sich der Tiger eineinhalb Jahre lang bewährt. Von Mazar-e-Sharif aus flogen die vier Kampfhubschrauber zwischen Anfang 2013 und Mitte 2014 insgesamt 260 Einsätze mit fast 1.860 Flugstunden. Insbesondere die Zuverlässigkeit der Triebwerke auch unter den extremen Witterungsbedingungen und der Höhe sorgte auch bei den Partnernationen für große Anerkennung. Die Hightech-Geräte leisteten bewaffnete Unterstützung aus der Luft bei verschiedenen Operationen für die Sicherung und die Räumung von Straßen und auch bei Einsätzen afghanischer Sicherheitskräfte.


Nach dem Schießen leert ein Waffenmechaniker den Hülsenfänger.

Nach dem Schießen leert ein Waffenmechaniker den Hülsenfänger.

Foto: © Bundeswehr / Carsten Vennemann

Arbeiten im Akkord

Nach der erfolgreichen Schießübung landet die Besatzung wieder auf dem HVP und gibt den Tiger zurück an den Mechanikerfeldwebel. Die nächste Crew wartet bereits auf ihren Einsatz. Die Techniker arbeiten den ganzen Tag im Akkord: auftanken, Waffen austauschen, aufmunitionieren, Technikchecks. Für die Nacht sind weitere Schießübungen geplant, und in der Frühe werden die Sanitäter, die Techniker und die Feuerwehrleute schon wieder für die nächste Runde bereitstehen. Mit ihrer Arbeit sind sie es, die die Übungen der Piloten mit dem Kampfhubschrauber Tiger überhaupt erst ermöglichen.

*Die Namen wurden von der Redaktion zum Schutz der Soldatinnen und Soldaten geändert.

Autor: Anika Wenzel / Magazin Y April 2015

Deutsche Tiger-Technik

Mastvisier

Das auffällige Osiris-Mastvisier, das über dem Hauptrotor angebracht ist, ermöglicht den Piloten, aus der Deckung heraus zu beobachten und aufzuklären. Dazu hat es Wärmebild- und Fernsehkamera sowie Laserentfernungsmesser.


Versionen

Neben Deutschland und Frankreich haben auch Australien und Spanien den Kampfhubschrauber Tiger angeschafft. Die Versionen unterscheiden sich vor allem bei den Triebwerken, den Waffen, den Visieren und beim ballistischen Schutz.


Schutz

Die Panzerung hält 23-Millimeter-Maschinenkanonen stand. Die schmale Silhouette dient dem passiven Schutz. Zusätzlich verfügt der Tiger über ein Raketenwarnsystem und Täuschkörper gegen infrarot- und radargelenkte Waffen.


Waffen

Neben den beschriebenen Bewaffnungen gibt es für die deutsche Version noch die Luftabwehrrakete Stinger und die Panzerabwehrlenkwaffe PARS. Anstelle der Waffen kann auch ein 350-Liter-Zusatztank mitgeführt werden.