• Suche

Entdecke die Bundeswehr.

Der Braunschweiger Löwe vertritt seine Heimat bei den Vereinten Nationen.

Der Braunschweiger Löwe vertritt seine Heimat bei den Vereinten Nationen.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Am Abend: Die Übung ist erfolgreich beendet und die Korvette „Braunschweig“ läuft in den Hafen in Beirut ein.

Am Abend: Die Übung ist erfolgreich beendet und die Korvette „Braunschweig“ läuft in den Hafen in Beirut ein.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

FLAGGE ZEIGEN

Seit zehn Jahren beteiligt sich die Deutsche Marine am maritimen Einsatzverband der Blauhelm-Mission UNIFIL. Deutsche Soldaten bilden dort auch ihre libanesischen Kameraden aus. ​„Merchant vessel Zubasa, this is Oscar Charlie!“ Durch seine dunklen Brillengläser schaut der Erste Offizier auf das knarzende Funkgerät. Kurz überlegt er, dann nimmt er den Hörer ab und antwortet: „Oscar Charlie, this is merchant vessel Zubasa.“ Es ist die Küstenradarstation der libanesischen Marine. Sie möchte wissen, wo sein Containerfrachter herkommt, welchen Hafen er anlaufen möchte und was er geladen hat. Um sie zu beruhigen, denkt er sich etwas aus, denn schließlich geht seine Fracht niemanden etwas an. Er wolle nach Tripoli, sagt er.


Um seine Lüge zu untermauern, fährt er einen passenden nördlichen Kurs. Und tatsächlich gibt sich die Küstenradarstation mit den Antworten zufrieden. Sehr gut. Keine zehn Minuten später lässt er den Kurs in Richtung Süden ändern. Sein eigentliches Ziel ist die libanesische Hauptstadt Beirut. Es dauert nicht lange und die Küstenradarstation hat die Kursänderung bemerkt und ruft ihn erneut. Der Erste Offizier schiebt seine Brille die Nase hoch und beobachtet den Horizont. Er wird nicht mehr antworten.


Eine Grafik vom Einsatzgebiet im Mittelmeer.

Einsatzgebiet: Die UNIFIL-Schiffe werden einzelnen Zonen zugeteilt, patroullieren dort und sammeln Informationen zu Handelsschiffen.

Foto: © Bundeswehr

Das Einsatzgebiet

Rund 225 Kilometer lang ist die Küste des Libanons. An ihr verteilen sich neun Küstenradarstationen. Sie decken die gesamten libanesischen Hoheitsgewässer ab und registrieren jede Schiffsbewegung. „Wir stellen den Kontakt zu den Schiffen in unserem Bereich via Funk her. Wir beobachten und überwachen den Seeraum und können anhand von Kurs und Geschwindigkeit erkennen, ob sich Schiffe verdächtig verhalten“, erklärt Tarek, Radaroperator in einer der Stationen. Sind Schiffe nicht angemeldet oder verhalten sich verdächtig, werden sie im Hafen inspiziert. In gravierenden Fällen werden sie von Boardingteams durchsucht, bevor sie einen Hafen erreichen. Seit 2006 ist die Seeraumüberwachung vor der Küste des Libanons ein wichtiger Teil der Aufgaben der UN-Mission UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon).

Sie soll den Waffenschmuggel in das Land verhindern. Die Radarstationen wurden von Deutschland mit Technik ausgestattet, ihre Bediener von deutschen Soldaten ausgebildet. Seit 2013 sind alle Stationen aufgebaut. An Bord des Containerschiffes wendet sich der Erste Offizier dem Navigationsradar zu und gibt dem Wachhabenden Offizier eine Kursempfehlung. „Danke, NavMeister“, antwortet der. Allerdings ist Oberbootsmann Michael weder Erster Offizier noch fährt er ein Containerschiff. Er ist Navigationsmeister auf der Korvette „Braunschweig“, und die nimmt an einer Übung mit den libanesischen Streitkräften teil. 


Ein Team von Soldaten seilt sich von einem Hubschrauber der libanesischen Luftwaffe auf ein Schiff ab.

Gemeinsamer Einsatz: Vom Puma der libanesischen Luftwaffe seilt sich das Boardingteam ab.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Der Hubschrauber nähert sich schnell dem verdächtigen Schiff und umrundet es

Zusammen mit den Küstenradarstationen, einem Hubschrauber der libanesischen Luftwaffe und einem Boardingteam der libanesischen Marine werden sie heute das Boarden verdächtiger Schiffe trainieren. „Es wird ein Schlechtwetterszenario simuliert“, erläutert Michael. „Dann können die kleineren Einheiten der libanesischen Marine nicht auslaufen. So müssen sie, um uns zu kontrollieren, einen Hubschrauber mit einem Boardingteam schicken.“ Am Horizont sieht man derweil einen schnell größer werdenden dunklen Punkt. Es ist der Hubschrauber der libanesischen Luftwaffe vom Typ Puma. Das rhythmische Wummern der Rotorblätter wird immer lauter. Der Hubschrauber fliegt mit hoher Geschwindigkeit am Schiff vorbei. Mehrmals umrunden die Piloten die Korvette.

Dann drehen sie ab, setzen sich über das Flugdeck und senken den Puma langsam herab. Plötzlich fliegen Seile aus den Seitentüren: Blitzschnell gleiten die Soldaten des Boardingteams an ihnen herunter. Die ersten sichern das Flugdeck, während ihre Kameraden sich abseilen. Kurze Handzeichen und die Gruppe teilt sich auf: Sechs Soldaten durchsuchen den Hangar, die anderen sechs rücken vor bis zur Brücke. 

Seit der maritime Anteil der Mission 2006 mandatiert wurde, beteiligt sich die Deutsche Marine durchgehend: Sie stellt Schiffe, Boote und Personal für die Maritime Task Force (MTF) sowie das UNIFIL Hauptquartier in Naqoura. Darüber hinaus bildet sie libanesische Soldaten an Bord ihrer Küstenschiffe und an Land. Dort machen alle neuen Rekruten ihre ersten Schritte. Bevor sie dann ihre ersten praktischen Erfahrungen an Bord der libanesischen Küstenwachboote sammeln, trainieren sie in einem modernen Schiffssimulator. Auch Schiffstechniker und Radaroperatoren werden dort ausgebildet.

Während einer Übung durchsuchen deutsche Soldaten die Rollenspieler auf dem Flugdeck nach Drogen und Waffen.

Die Rollenspieler der deutschen Besatzung werden auf dem Flugdeck nach Drogen und Waffen durchsucht.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Das Boardingteam reagiert konsequent und überwältigt die Besatzung

Jeden Moment wird das libanesische Boardingteam hier eintreffen. Sechs bewaffnete Soldaten betreten den Raum. Sie bewegen sich ruhig, verteilen sich, sichern die Umgebung. Einer von ihnen ergreift das Wort: Wer der Verantwortliche sei, fragt er auf Englisch. Die verkleideten deutschen Soldaten wollen es den Libanesen nicht zu leicht machen. Der vermeintliche Kapitän antwortet – allerdings auf Russisch. Sprachbarrieren sind keine Seltenheit auf See. Die libanesischen Soldaten lernen zwar Englisch und Französisch, aber nicht jeder Seefahrer spricht diese Sprachen. Währenddessen lässt der Erste Offizier ein kleines Päckchen in einer Schublade verschwinden. Das Boardingteam reagiert sofort. Es überwältigt die Besatzung und legt den Männern Handschellen an.

Wenig später finden sich die Rollenspieler von der Brücke auf dem Flugdeck wieder. Zusammen mit zwei weiteren Verdächtigen, die im Hangar festgenommen wurden, knien nun sechs Personen gefesselt in der prallen Sonne. Sie werden nacheinander befragt und durchsucht.


Anhand einer Karte auf einem Bildschirm erklärt ein Soldat im Hauptquartier seinen Kollegen die Lage.

Vom UNIFIL-Hauptquartier in Naqoura wird die Mission geführt, hier laufen alle Informationen zusammen.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Die Maritime Task Force

Als Teil der friedenserhaltenden Maßnahmen in der Region überwacht die Maritime Task Force (MTF) seit 2006 den Seeraum vor den libanesischen Hoheitsgewässern. Die MTF war damals Israels Bedingung für einen Waffenstillstand, da sie den Schmuggel von Waffen über den Seeweg in den Libanon und zur Hisbollah-Miliz unterbindet. Fregattenkapitän Gerd ist Deputy Chief of Maritime Operations für UNIFIL. Zusammen mit fünf weiteren deutschen Soldaten arbeitet er im Hauptquartier. „Es gibt einen Teil der Führung der MTF, die auf See tätig ist und einen Anteil, der von Naqoura aus arbeitet“, erklärt er. Er selbst ist ein Bindeglied zwischen der MTF und dem Hauptquartier.

Die Mission habe sich positiv entwickelt und werde von der Bevölkerung anerkannt. „Die libanesische Marine ist uns für unsere Unterstützung sehr dankbar“, berichtet er. „Aber auch von Zivilisten wird man auf die deutsche Uniform angesprochen und erfährt viel Dankbarkeit.“ Schweiß läuft allen Beteiligten über die Gesichter, den Boardingsoldaten in ihrer vollen Ausrüstung ebenso wie den deutschen Rollenspielern. Es ist Mittagszeit vor der Küste des Libanon und bei über 30 Grad Celsius ist keine Wolke am Himmel. Doch nun entspannt sich die Lage. Die Soldaten lächeln und helfen ihren deutschen Kameraden wieder auf die Beine. Die Handschellen werden geöffnet, Wasserflaschen herumgereicht. Die gemeinsame Übung ist beendet, die Besatzung der „Braunschweig“ kommt auf das Flugdeck und begrüßt ihre libanesischen Kameraden. Beide Seiten sind sehr zufrieden.

Autor: Bundeswehr / Victoria Kietzmann

Korvettenkapitän Ronny Bergner ist Kommandant der Korvette „Braunschweig“.

Korvettenkapitän Ronny Bergner ist Kommandant der Korvette „Braunschweig“.

Foto: © Bundeswehr / Christian Thiel

Interview mit Korvettenkapitän Ronny

Korvettenkapitän Ronny Bergner (40) ist zum Zeitpunkt dieser Reportage Kommandant der Korvette „Braunschweig“ und seit Mai 2016 im Einsatz.

3 Fragen an Korvettenkapitän Ronny

Die Bundeswehr-Redaktion fragt.
Wie oft waren Sie bei United Nations Interim Force in LebanonUNIFIL?
Korvettenkapitän Ronny Bergner ist Kommandant der Korvette „Braunschweig“.

Ich bin zum ersten Mal als Kommandant einer Korvette, aber insgesamt das vierte Mal bei UNIFIL. Mein erster Einsatz war 2007 auf einem Schnellboot. Dort war ich als Erster Wachoffizier eingesetzt. 2008 und 2010 war ich in Limassol. 

Die Bundeswehr-Redaktion fragt.
Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?
Korvettenkapitän Ronny Bergner ist Kommandant der Korvette „Braunschweig“.

Wir sind weniger Schiffe geworden, weil eine gewisse Routine eingetreten ist. Die Abläufe haben sich eingespielt und auch die Abstimmungen mit den Libanesen der UN sind natürlich nach zehn Jahren viel routinierter.

Die Bundeswehr-Redaktion fragt.
Wie haben Sie das libanesische Boardingteam erlebt?
Korvettenkapitän Ronny Bergner ist Kommandant der Korvette „Braunschweig“.

Es war hochprofessionell. Vom Abseilen bis zur Personenkontrolle hatte es alles im Griff. Ich bin aber auch stolz auf meine Besatzung, die durch ihr unkooperatives Verhalten versucht hat, die Libanesen zu provozieren, und so deren Reaktionen auf die Probe stellte. 

40 Nationen sichern den Frieden

Geschichte

UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) ist eine der ältesten Missionen der Vereinten Nationen und hat seit ihrem Beginn 1978 ihr Hauptquartier in Naqoura. Hier werden alle Anteile der Mission geleitet. 40 Nationen beteiligen sich an UNIFIL, sechs von ihnen an der Maritime Task Force (MTF).


Konflikt

Im Süden des Libanon kommt es seit fast 40 Jahren immer wieder zu Konflikten und Kampfhandlungen zwischen israelischen Truppen der schiitisch-libanesischen Hisbollah-Miliz. 2006 eskalierte die Situation: Israel verhängte eine Seeblockade, seine Truppen marschierten in den Süden des Landes ein. 


Reaktion

Das UNIFIL-Mandat wurde angepasst und machte einen erneuten Waffenstillstand möglich: Die Zahl der Truppen wurde von 2.000 auf 15.000 erhöht, ein maritimer Anteil geschaffen und Waffeneinsatz zur Umsetzung erlaubt. Ziel: Nach Abzug der Israelis sollen die UN-Soldaten den Frieden im Südlibanon wahren.


Auftrag

Der erste Flottenverband unter der Führung der UN erhielt den Auftrag, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden und mit der libanesischen Armee die Landesgrenze im Süden, die 121 Kilometer lange „Blue Line“, zu überwachen. Er soll auch nicht legitimierte Grenzübertritte dokumentieren.